Praxis & Falllogik – Typische Fehler und Qualitätsrisiken

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Praxis und Falllogik wissenschaftliche Übersetzung

Wissenschaftliche Übersetzung ist eine Praxis, keine rein theoretische Tätigkeit. Reale Projekte bringen Entscheidungssituationen, Grenzfälle und Fehlerquellen mit sich, die in Lehrbüchern selten behandelt werden.

Diese Seite dokumentiert typische Fehler, Qualitätsrisiken und reale Entscheidungsbeispiele aus der Übersetzungspraxis – als Orientierung für Auftraggeber und Übersetzer.

Häufigste Fehlerquellen:

  • Terminologieinkonsistenz – verschiedene Übersetzungen desselben Fachbegriffs
  • False Friends – scheinbare Äquivalente mit abweichender Bedeutung
  • Methodische Fehldeutung – falsche Wiedergabe von Forschungsdesign
  • Normverstöße – Nichtbeachtung von Journal-Guidelines
  • Kulturelle Blindstellen – Übersehen disziplinspezifischer Konventionen

Fall 1: Terminologieinkonsistenz in klinischer Studie

❌ Problem

In einem Studienprotokoll wurde der Begriff "adverse event" an verschiedenen Stellen unterschiedlich übersetzt:

  • Einleitung: "unerwünschtes Ereignis"
  • Methoden: "Nebenwirkung"
  • Safety Monitoring: "unerwünschte Arzneimittelwirkung"

Konsequenz: Ethikkommission lehnte Einreichung ab – Inkonsistenz erweckte Eindruck mangelnder Sorgfalt. Studie verzögerte sich um 6 Wochen.

✅ Lösung

Korrekte Unterscheidung:

  • "Adverse event" → "unerwünschtes Ereignis" (AE) – jedes negative Ereignis während Studie
  • "Adverse drug reaction" → "unerwünschte Arzneimittelwirkung" (UAW) – kausal mit Prüfpräparat verbunden
  • "Side effect" → "Nebenwirkung" – bekannte, erwartbare UAW

Methodik: Projektspezifisches Glossar vor Übersetzungsbeginn erstellen. CAT-Tool-Einsatz zur automatischen Konsistenzprüfung.

Fall 2: False Friend in statistischer Analyse

❌ Problem

Englischer Originaltext: "The results were significant (p < 0.05)."

Fehlerhafte Übersetzung: "Die Ergebnisse waren signifikant (p < 0,05)."

Warum problematisch? Im Deutschen wird "signifikant" umgangssprachlich als "bedeutsam" verstanden. In der Statistik bedeutet es ausschließlich "statistisch signifikant" – d.h. das Ergebnis ist wahrscheinlich nicht durch Zufall entstanden, sagt aber nichts über die praktische Relevanz aus.

✅ Lösung

Korrekte Übersetzung: "Die Ergebnisse waren statistisch signifikant (p < 0,05)."

Oder besser noch: "Die Ergebnisse erreichten statistische Signifikanz (p < 0,05)."

Regel: In wissenschaftlichen Texten immer "statistisch signifikant" verwenden, nie nur "signifikant" – zur Vermeidung von Missverständnissen.

Fall 3: Methodische Fehldeutung bei Studiendesign

⚠️ Kritisches Entscheidungsbeispiel

Englischer Originaltext: "This was a randomized controlled trial with blinding of participants and investigators."

Frage: Wie übersetzt man "blinding" korrekt?

Optionen:

  • "Verblindung" (korrekt, aber veraltet klingend)
  • "Maskierung" (modern, aber weniger präzise)
  • "Blindung" (direkter Anglizismus, aber gebräuchlich)

✅ Entscheidung

Empfehlung: "Verblindung" verwenden – trotz veralteter Anmutung ist dies die etablierte Fachterminologie in deutschsprachigen medizinischen Journals.

Zusätzlich unterscheiden:

  • "Single-blind" → "einfach verblindet" (nur Teilnehmer wissen nicht, welche Behandlung)
  • "Double-blind" → "doppelt verblindet" (weder Teilnehmer noch Untersucher wissen es)
  • "Triple-blind" → "dreifach verblindet" (zusätzlich Auswerter verblindet)

Fall 4: Journal-Guidelines nicht beachtet

❌ Problem

Ein deutsches Forschungsteam ließ einen Fachartikel ins Englische übersetzen für Einreichung bei einem high-impact Journal (Nature Communications).

Fehler:

  • Abstract enthielt Zitate (gegen Journal-Guidelines)
  • Zitierstil war falsch (Vancouver statt Nature-Stil)
  • Abkürzungen nicht bei erster Nennung definiert
  • Data Availability Statement fehlte

Konsequenz: Desk Rejection – Artikel wurde ohne Peer Review abgelehnt. Team musste neu übersetzen lassen, 3 Monate Verzögerung.

✅ Lösung

Vor Übersetzung: Journal-Guidelines prüfen (meist im "Author Guidelines"-Bereich der Journal-Website).

Checkliste:

  • Zitierstil korrekt?
  • Abstract-Anforderungen (strukturiert/unstrukturiert, Wortanzahl, keine Zitate)
  • Required Statements vorhanden? (Ethics, Data Availability, Conflicts of Interest)
  • Formatierung (Schriftart, Zeilenabstand, Seitenzahlen)
  • Abbildungen und Tabellen gemäß Guidelines formatiert

Fall 5: Kulturspezifische Konzepte

⚠️ Übersetzungsentscheidung

Deutsche sozialwissenschaftliche Studie verwendet den Begriff "Bildung".

Problem: "Bildung" ist im Deutschen ein umfassendes Konzept (Humboldt'scher Bildungsbegriff), das mehr meint als bloße Ausbildung oder Schulbildung.

Englische Optionen:

  • "Education" – zu eng, fokussiert auf formale Schulbildung
  • "Formation" – zu abstrakt, im Englischen ungebräuchlich
  • "Bildung" – unübersetzt lassen?

✅ Entscheidung

Empfehlung: Kontextabhängig entscheiden:

  • Wenn es um formale Bildungssysteme geht → "education"
  • Wenn es um umfassende Persönlichkeitsbildung geht → "Bildung" (kursiv) mit Erklärung in Fußnote oder bei erster Nennung
  • Alternativ: "liberal education" oder "humanistic education" mit Kontext-Erklärung

Regel: Kulturspezifische Konzepte erfordern Kontextualisierung, nicht bloße Wort-für-Wort-Übersetzung.

Häufige Qualitätsrisiken in der Praxis

1. Zeitdruck und Qualitätsverlust

Risiko: Knappe Deadlines führen zu übereilter Übersetzung ohne ausreichendes Review.

Mitigation:

  • Realistische Zeitplanung (Faustregel: 2000-2500 Wörter/Tag bei Fachübersetzung)
  • Mindestens 2-3 Tage Puffer für Review und Korrekturen einplanen
  • Bei Eilaufträgen: Qualitätskompromisse transparent kommunizieren

2. Fehlende Terminologieabstimmung bei Großprojekten

Risiko: Bei Projekten mit mehreren Übersetzern entstehen unterschiedliche Terminologien.

Mitigation:

  • Projektspezifisches Glossar vor Beginn erstellen
  • Zentrales Translation Memory für alle Übersetzer
  • Terminologie-Koordinator benennen
  • Regelmäßige Abstimmungsrunden während des Projekts

3. Übersetzer ohne Fachexpertise

Risiko: Allgemein-Übersetzer ohne Fachkenntnisse produzieren sprachlich korrekte, aber fachlich fehlerhafte Texte.

Mitigation:

  • Nur fachspezialisierte Übersetzer mit nachweisbarer Expertise beauftragen
  • Bei Unsicherheit: Probeübersetzung anfordern (ca. 250 Wörter)
  • Referenzen und akademische Qualifikationen prüfen

Evidenzbasierte Übersetzungspraxis

eLengua lernt aus realen Projekten und dokumentiert Entscheidungslogik. Unsere Qualitätsprozesse berücksichtigen typische Fehlerquellen und minimieren Risiken durch systematische Methodik.

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